Coca-Cola – Die neue Antifa

Das Internet ist zuweilen ein interessanter Ort. Obwohl ich mir immer wieder vornehme, weniger Zeit in „sozialen“ Netzwerken zu verschwenden, versinke ich regelmäßig in meiner linksgrün-homo-versifften Filterblase. Meistens scrolle ich mich nur gelangweilt durch die Timeline, markiere ein paar Beiträge mit Herzchen, retweete (mehr oder weniger) gute Artikel oder poste im schlimmsten Fall selbst Dinge, die mir wenige Minuten später wieder peinlich sind.

Doch gelegentlich geschehen in dieser App kuriose Dinge. So auch diese Woche. Unter einem der vielen gut gemeinten Anti-Rechts-Tweets entdecke ich ein Foto. In Berlin hatte ein Aktivistenkollektiv namens „Modus“ als Teil eines „AFDventskalenders“ ein vermeintliches Coca-Cola Werbeplakat mit dem Slogan „Für eine besinnliche Zeit: Sag‘ nein zur AfD“ aufgestellt. Eine nette Aktion, dachte ich. Doch mir war zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar, dass ich gerade Zeuge der Geburt einer neuen antifaschistischen Bewegung geworden war.

Aber von vorn. Die AfD wäre natürlich nicht die AfD, wenn sie souverän mit Satire oder Kritik umginge. Es dauerte nicht lange, bis sich die ersten Stimmen des Volkes meldeten und sich diskriminiert fühlten. Einige riefen zum Boykott von Coca-Cola auf. Das Ganze schaukelte sich hoch und die AfD hatte eine Steilvorlage geliefert.

Coca-Cola nahm dankend an. Mit dem Kommentar „Nicht jedes Fake muss falsch sein“ verbreitete der Deutschland-Kommunikationschef des Unternehmens das Foto weiter und brachte das deutsche Blut damit erst recht zum Kochen. Unter dem Hashtag #CocaColaNeinDanke wurde man nun Zeuge eines neuen Shitstorms der Hohlraumversiegelten. „Ich trinke ab jetzt nur noch Pepsi“, verkündeten manche stolz. Andere stellten Videos ins Netz, in denen sie kistenweise Colaflaschen wegschütteten. Die AfD hatte sich wieder einmal blamiert. So weit, so gut.

Doch Twitter wäre nicht Twitter, wenn es nicht im Stande wäre, den Bogen der Absurdität noch weiter zu überspannen. Nach dem Motto „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“ begann man nun, sich öffentlich mit dem Coca-Cola Konzern zu solidarisieren. Menschen begannen, begeistert Bilder von ihren Einkaufswägen zu twittern und triumphal auf die darin enthaltenen Coca-Cola Kisten hinzuweisen. „Ich habe ja früher immer Pepsi gekauft, aber jetzt trinke ich nur noch Coca-Cola!“ – Nehmt das, ihr Nazis!

Zur Erinnerung: Coca-Cola ist der Riesenkonzern, der unter anderem in der Kritik steht

  • Wo es nur geht Umweltstandards zu verletzen
  • Das Grundwasser in Indien zu gefährden und sogar
  • mit Hilfe von Paramilitärs Gewerkschaften in Südamerika zu unterdrücken

Taugt das wirklich als Symbol gegen rechts? Eher im Gegenteil. Nichts wäre jetzt einfacher als gegen die “merkelhörigen, Cola saufenden Systemhuren” zu wettern. Wir haben es verstanden, die AfD ist doof, wenn sie Coca-Cola aus dummen Gründen boykottiert. Man wird wird aber auch nicht cool, wenn man Coca-Cola aus dummen Gründen konsumiert und auch noch kostenlose Werbung für den Konzern macht.

 

In der Marketingabteilung der Coca-Cola Company dürfte jedenfalls zurzeit gute Stimmung herrschen. Der Konzern bekommt ein neues, positives Weltbild verpasst und musste dafür keinen Cent ausgeben. Aber eines sollte man sich klarmachen: Wenn morgen die AfD an die Macht kommt, wird Coca-Cola keinen Finger rühren.

Das einzige, das mich wirklich wundert, ist, dass ich mich wundere. Ich weiß, virales Marketing funktioniert auf diese Art. Das war nicht das erste Mal und wird auch nicht das letzte Mal gewesen sein. Versteht mich nicht falsch. Es sei jedem gegönnt, Cola zu trinken. Wer tut das nicht gelegentlich? Aber bitte tut es, weil es euch schmeckt. Oder wegen eures Stockholm-Syndroms. Aber bitte tut es nicht, um der AfD eins auszuwischen. Ihr habt ja schließlich auch nicht angefangen, Krombacher für den Regenwald zu trinken.

Oder?

 

Foto: bz-berlin.de

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